Eigentlich hatte ich vor, mich in diesem Blogeintrag mit der immer wieder auftauchenden Kastrationsfragen zu widmen. Aber die Realität hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht und daher möchte ich heute ein anderes Thema ansprechen. Ein trauriges Thema ohne Happy End.

Es gibt heutzutage jede Menge Erkrankungen bei unseren Tieren. Viele von Ihnen sind gut erforscht, einige finden wir sogar ebenfalls beim Menschen. Für sehr viele Erkankungen gibt es heutzutage Therapien. Für einige Erkrankungen jedoch nicht, dies gilt sowohl im Human- als auch im tiermedizinischen Bereich. Meist handelt es sich um Erkrankungen, die nicht so häufig vorkommen bzw. diagnostiziert werden. Es verhält sich damit ähnlich wie mit der ALS, für die in den vergangenen Monaten im Rahmen der Ice-Bucket-Challenge Spenden zur Erforschung gesammelt wurden. Die Krankheit, über die ich heute schreiben möchte, wird das Evans-Syndrom genannt und tritt sowohl beim Mensch, als auch beim Tier auf, bei beiden jedoch sehr selten und so wird hier erst gar nicht richtig weiter geforscht.

Der Hund meiner Eltern litt in den vergangenen Wochen an immer zunehmender Schlappheit, er spielte nicht mehr soviel und hatte kaum noch Lust mit seinen Hundekumpels zu toben. Nun war er immerhin auch schon 7 Jahre alt, was aber für einen Hund der Rasse American Cocker Spaniel noch nicht als alt gilt. Da er auch immer weniger zu Spaziergängen zu motivieren war und diese eher schleppend dann über sich ergehen ließ, wurde er einem Tierarzt vorgestellt. Dieser stellte eine Anämie fest, also eine Blutarmut, Ursache unbekannt. Er vermutete eine Infektionskrankheit – möglicherweise durch einen Zeckenbiss übertragen – und verabreichte ein Antibiotikum. Eine Antibiotikum-Gabe bekommt scheinbar heute erstmal jedes Tier, welches mit Beschwerden welcher Art auch immer zum Tierarzt kommt. Ich finde das furchtbar und unnötig, aber es ist Realität. Nun wie auch immer, Luca bekam also ein Antibiotikum gespritzt und wurde wieder heim geschickt mit einem Wiedervorstellungstermin einige Tage später, falls keine Besserung eintreten sollte.

Es kam zu keiner Besserung, also wurde er planmäßig wieder vorgestellt. Da das Antibiotikum nicht angeschlagen hatte, bestand der Verdacht eines tumorösen Prozesses, was der Tierarzt mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auch nicht zweifelsfrei ausschließen konnte. Er überwies den Hund meiner Eltern in eine Tierklinik, wo sie noch am selben Tag einen Termin ausmachten. Die Tierklinik wollte ihn gründlich untersuchen und sein Zustand war als so kritisch anzusehen, dass die Klinik einen stationären Aufenthalt befürwortete. Also ließen meine Eltern notgedrungen ihren Hund in der Klinik und warteten auf die Ergebnisse.

Nach diversen Untersuchungen stand fest, dass es sich nicht um einen Tumor handelte, allerdings waren sich die Tierärzte auch nicht sicher, wo das Problem denn sonst liegen könnte und behielten Luca daher zur Beobachtung da. Die Blutwerte waren schlecht, Thrombozyten (Blutblättchen, spielen z.B. bei der Gerinnung eine Rolle) und Erythrozyten (rote Blutkörperchen, u.a. für den Sauerstofftransport im Körper zuständig) waren massiv erniedrigt. Nun vermutete man eine Autoimmunerkrankung, um das zu bestätigen, benötigte man aber noch Laborwerte. Die jedoch ließen auf sich warten, denn das Wochenende kam dazwischen. Luca ging es weiter immer schlechter, aber ohne die Blutwerte wollten die Ärzte keine Therapie beginnen. Am Sonntag verschlechterte sich sein Zustand jedoch so massiv, dass man nun ganz dringend eine Bluttransfusion machen wollte. Normalerweise wurden dafür wohl die Hunde der Klinikmitarbeiter herangezogen, das war in diesem Fall aber nicht möglich, da sie alle erst vor kurzem gespendet hatten. Also ging die Suche nach einem passenden Spenderhund los. Warum die Klinik hier keine Unterstützung angeboten hat, bleibt mir bis heute schleierhaft. Also lief meine Mutter verzweifelt durch die Siedlung und sprach Leute mit großen Hunden an, ob sie helfen würden. Schlussendlich fand sie dann auch jemanden, der konnte allerdings erst am späten Nachmittag mit in die Klinik fahren. Als ich davon hörte startete ich einen Suchauftrag bei Facebook, in der Hoffnung, eine ’schnellere‘ Lösung zu finden. Und tatsächlich, es dauerte nur wenige Minuten und ich bekam die ersten Nachrichten und Hilfsangebote. Schnell wurde der Kontakt zu einer Schäferhund-Besitzerin hergestellt, die sich im folgenden mit meinen Eltern traf und mit ihnen gemeinsam in die Klinik fuhr. Wie sehr die Bluttransfusion eilte, wurde bei der Kreuzprobe ersichtlich. Hierbei sollte getestet werden, ob Luca das Blut der Schäferhündin auch vertragen würde. Jedoch konnte man diese Probe nicht gänzlich abschließen, da die Blutprobe zu schnell gerann. Es blieb also gar keine andere Möglichkeit, als die Bluttransfusion auf gut Glück zu starten und so erhielt Luca 400 ml Blut von einer Schäferhündin. Danach hieß es wieder warten und hoffen. Der Montag kam und mit ihm die vernichtenden Laborergebnisse: Nun endlich stand fest, dass Luca am sogenannten Evans-Syndrom leidet. Hierbei handelt es sich eigentlich um eine Kombination von 2 verschiedenen Autoimmunerkrankungen des Blutes. Die Kombination tritt selten auf, daher dauerte es wohl auch so lange, bis man die Lösung fand. Nun kam jedoch erst das ganze Ausmaß des Problems zum Vorschein. Es gibt nämlich bisher keine Therapie für dieses Syndrom, nur Versuche einer Therapie (übrigens auch beim Menschen). Es bestand eine Chance, den akuten Schub mit einem Medikament in den Griff zu bekommen, welches das Immunsystem komplett auf Null runter fährt und die Bildung bzw. Freisetzung neuer Blutzellen im Körper ankurbelt. Das Medikament wurde bestellt und er bekam es am Abend verabreicht, nun musste er in der Folge für 24 Stunden in ein Isolationszimmer. Und für meine Eltern und uns hieß es wieder Warten – Hoffen – Beten. Parallel versuchte ich alles über dieses Syndrom in Erfahrung zu bringen, was zu finden war. Es war sehr wenig. Weder scheint bisher die Ursache geklärt, noch eine vielversprechende Therapiemöglichkeit gefunden. In einer Studie der GKF von 2006 wurden verschiedenste Theorien zur Ursache untersucht, auch hier jedoch gab es kein klares Ergebnis, vielleicht ist es auch eine Kombination von Genmutation und äußerlichen Einflüssen. Man weiß es nicht und an einer weiteren Erforschung scheint – zumindest momentan – kein Interesse zu bestehen.

Um die Geschichte nun abzuschließen:

Luca’s Zustand verbesserte sich etwas, aber er hatte keine Kraft mehr und so musste er nach über einer Woche Tierklinik-Aufenthalt schlussendlich von seinem Leiden erlöst werden. Ob dieser Tod nun sinnlos war oder nicht – er behält zumindest einen merkwürdigen Beigeschmack. Warum wurde nicht gleich in die Tierklinik geschickt, als der Tierarzt sich unsicher war? Dann hätte man vielleicht vor dem Wochenende noch eine Diagnose gehabt und hätte eher eine Therapie beginnen können. Warum wurde das Medikament erst Montag Abend verabreicht, wenn es doch so schlecht um ihn stand und es seit dem Morgen dann endlich klar war, was zu tun ist? Fragen, die ihn auch nicht wieder lebendig machen.

Aber vielleicht hilft dieser Bericht dem ein oder anderen Hundebesitzer, der mit ähnlichen Symptomen und keiner Lösung konfrontiert wird und vielleicht rettet dieser Bericht irgendwann einem anderen Hund das Leben. Es wäre zu wünschen, ebenso wie die Erforschung auch seltener Erkrankungen seitens der Wissenschaft.DSC00021

4 thoughts to “Das Evans-Syndrom beim Hund

  • Familie Schroeder

    Vielen Dank für Ihren ausführlichen Bericht.
    Leider haben wir bei unserer Hündin ein ähnliches Problem.
    Die Probleme traten in Form von 40 Grad Fieber und schneller starker Gewichtsabnahme auf.

    Nach wochenlanger Behandlung mit einem Antibiotikum stellte sich keine Bessserung ein. Im Gegenteil, die von Ihnen beschriebene Schlappheit beendete die Behandlung mit einer Überweisung an eine Tierklinik und Gabe von Blut.
    Glücklicherweise haben wir den geeigneten Blutspender im eigenen Haus.
    Die Blutspende hat unmittelbar zu einer Verbesserung des allgemeinen Zustandes geführt.

    Wir hoffen jetzt, dadurch genügend Zeit gewonnen zu haben, um eine hilfreiche Terapie durchzuführen.

    Antworten
    • Susann Bernert

      Hallo, tut mir leid, ich habe den Blog lange nicht gepflegt.
      Mich würde interessieren, wie der momentane Stand bei Ihnen bzw. Ihrer Hündin ist und wie ggf. der weitere Therapieverlauf war?
      Viele Grüße

      Antworten
  • Martina Schenkewitz

    Hallo!

    Mein Hund hat wahrscheinlich diese Erkrankung. Wann war das bei Ihnen? Wie heißt das Medikament, daß zum Schluß gegeben wirde? WissenSie, ob es heute schon weitere Erkenntnisse gibt? Für eine schnelle Antwort wäre ich dankbar!!!

    Antworten
    • Susann Bernert

      Hallo, tut mir leid, der Blog konnte von mir eine zeitlang nicht gepflegt werden.

      Ich weiß leider nicht, welches Medikament der Hund meiner Eltern zuletzt bekommen hat, denke auch, dass es wohl mehr eine Kombination aus mehreren Medikamenten war. Das Ziel war auf jeden Fall das Immunsystem komplett auszuschalten, damit es aufhört die körpereigenen Blutzellen anzugreifen. Wegen dem ausgeschalteten Immunsystem musste der Hund für diese Zeit auch komplett in einem Isolationszimmer der Tierklinik untergebracht werden, ein Besuch durfte nicht erfolgen, auch nach draussen durfte er während dieser Zeit nicht.

      Ich hoffe, dass Ihr Hund es geschafft hat, und vielleicht möchten Sie ja noch einmal eine kurze Rückmeldung geben.

      Viele Grüße

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