Nun gibt es einen Fallbericht, den ich schon eine Weile vor mir herschiebe. Ich bin nach wie vor entsetzt, wenn ich darüber nachdenke, dass es so einfach gewesen wäre, der kleinen Pudelhündin Babsi einen schöneren Lebensabend zu machen. Und das dies aufgrund des Versagens des Veterinäramtes in diesem Fall einfach nicht passiert ist. Um es vorweg zu nehmen, es gab kein Happy End und Babsi  starb vor einigen Monaten unter erbärmlichen Umständen. Aber ich möchte euch die Geschichte von vorn erzählen.

Es war im August 2015 als an einem späten Abend mein Handy klingelte und mich aus dem Schlaf riss. Die Polizei bat mich um Hilfe, in einer Wohnung würde ein Hund sitzen, der das ganze Haus zusammen jaulte nachdem Herrchen in Krankenhaus gekommen war. Mein Einverständnis vorausgesetzt, würde die Polizei nach Oldenburg fahren, den Schlüssel des Wohnungsmieters holen, anschließend den Hund aus der Wohnung holen und zu mir bringen. Um was für einen Hund es sich handele wisse man noch nicht, laut Auskunft der sich beschwerenden Nachbarn, sollte es jedoch kein großer Hund sein. Nach kurzem Hin und Her stimmte ich zu und verabschiedete mich schon mal mental von meinem Nachtschlaf. Die nächsten anderthalb Stunden wurde eine Hundebox aus dem Schuppen geholt, zusammengebaut und ins Schlafzimmer gestellt. Schließlich war noch nicht bekannt, in welchem Zustand der Hund war, ob er evtl. selbst krank war oder unverträglich mit anderen Hunden.

Es war bereits nach Mitternacht, als die Polizeibeamten endlich mit dem Hund eintrafen und mich direkt mit den Worten „Hübsch ist er nicht, aber anscheinend nett“ begrüßten. Nein, hübsch war der Hund ganz und gar nicht. Das Fell verfilzt, kahle Stellen auf dem Rücken, bestalisch aus dem Maul stinkend und mit sichtbaren Rippen stolperte der Hund ins Haus. Beim ersten Anschauen in vernünftigem Licht krabbelten mir dann auch direkt Flöhe über die Hände und so war das erste, was passierte, dem Hund eine Flohbehandlung zugute kommen lassen. Über den Hund war nichts bekannt, nicht mal einen Namen hatten die Beamten im Krankenhaus erfahren, aber immerhin war schnell sichtbar, dass es sich um eine kleine Hündin handelte. Auf die Frage, ob sie vielleicht Futter in der Wohnung gesehen hätten, antworteten die Beamten, dass die Wohnung in einem ähnlich desolaten Zustand wie der Hund war. Ich fragte lieber nicht weiter… Gut, die Beamten wollten sicher weiter und alles weitere ließe sich problemlos auch am nächsten Tag klären und so verabschiedeten wir uns. Ich bot der Kleinen noch kurz ein paar Brocken Futter und Wasser an, jedoch war die Aufregung zu groß, um zu fressen. Also ging es nach einem kurzen Pipi-Ausflug in den Garten erst einmal in die vorbereitete Hundebox, wo sie dann auch irgendwann zur Ruhe kam und einschlief.

Erst am nächsten Tag, im Tageslicht, wurde das ganze Ausmaß der Probleme des Hundes sichtbar. Das Fell war nicht nur verfilzt, es hingen Filzbrocken an den Beinen, die der Kleinen das Laufen deutlich erschwerten. Die hintere Rückenpartie inklusive Schwanz waren komplett kahl, die kleine Maus war sichtlich geschwächt. Sie fraß und trank normal, das war aber auch schon das einzig positive. Auch das Augenlicht schien nicht in Ordnung zu sein, denn beide Linsen waren getrübt. Der Gang war langsam und wackelig, der Rücken krumm und die Krallen viel zu lang. Ein Blick ins Maul zeigte eine zentimeterbreite Schicht Zahnbelag, der Blick war auch nur sehr kurz aushaltbar, aufgrund des wirklich üblen Gestanks. Und unter dem Bauch ließ sich ein etwa 2,5 cm großer Knoten ertasten. Aber wenigstens schien sie nett zu sein.

Da es sich um einen Sonntag handelte, versuchte ich nähere Angaben zum Besitzer zu bekommen und warum der Hund so verwahrlost war. Ich traute mir nicht, das offenbar schon alte Mädchen zu baden, aus Sorge, dass sie einen Herzinfarkt vor Schreck erleidet. Über die Polizei ließ sich herausfinden, dass der Besitzer sich wahrscheinlich mehrere Tage im Krankenhaus befinden würde und laut seiner Aussage sich melden wolle, wenn er wieder entlassen sei. Weitere Informationen zum Hund bekam ich nicht, selbst ihren Namen konnte man mir nicht sagen. Also hieß es erst einmal weiter päppeln und warten, dass sich irgendwann irgendwer meldet.

Da der Gesundheitszustand des Tieres so schlecht war und ich am nächsten Vormittag sowieso einen Tierarzt-Termin hatte, rief ich am Montagmorgen direkt bei der Stadt an. Ich erzählte ihnen kurz und knapp von der Hündin und den Umständen und bat darum, dass man die Kosten übernehmen würde, wenn ich mit ihr zum Tierarzt fahre. Nach einer kurzen Rücksprache – auch mit der Polizei, die den Zustand des Hundes ja bereits kannte – bekam ich eine positive Rückmeldung. Also gab ich telefonisch beim Tierarzt Bescheid, dass ich zusätzlich zu meinem Kater auch noch einen Tierschutznotfall mitbringen würde und ab ging die Fahrt nach Eutin. Außerdem rief ich auch direkt beim Veterinäramt an und meldete dort den Fall, weil ich wollte, dass die Haltung des Hundes, sofern sie denn noch einmal nach Hause zurück kehren sollte, von dort aus überprüft würde.

Selbst mein Tierarzt war erschrocken über den Zustand der Hündin. Die Kleine wurde untersucht, dabei wurde dann noch ein Herznebengeräusch festgestellt, verkrustete Ohren und hochgradiger Zahnstein. Die Analdrüsen waren verstopft und wurden geleert, was das Mäuschen sichtlich unangenehm fand. Auch einen Haarfilzring am Vorderbein sowie einige weitere Verfilzungen wurde entfernt und die massiv zu langen Krallen gekürzt. Die kahlen Stellen wiesen auf eine Flohspeichelallergie hin. Irgendwann während der Behandlung wurde die Kleine so ungehalten, dass wir ihr leider einen Maulkorb aufsetzen mussten, denn ihre Zähne wollte mit Sicherheit keiner von uns in die Hand geschlagen bekommen. Leider bekam sie zunehmend Panik und nachdem sie auf dem Tisch zu kollabieren drohte, brachen wir die Behandlung fürs erste ab. So haben wir dann nur das notwendigste erledigen können, dabei jedoch festgestellt, dass nach wie vor Flöhe auf ihr herumkrabbelten. Also gab es direkt noch eine zweites Flohmittel obendrauf. Der Tierarzt wollte einen Bericht an das zuständige Veterinäramt schicken und gab mir auch einen Ausdruck für das Ordnungsamt mit. Der weitere Plan für den Hund lautete: Pflegezustand verbessern, Entflohen, Entwurmen, Herztherapie und irgendwann später mal die Sanierung der Maulhöhle, sowie die Entfernung des Gesäugetumors. Bis dahin würde es aber noch ein langer Weg sein, denn wenn das Mäuschen nicht einmal eine normale Untersuchung und Behandlung ohne Kreislaufzusammenbruch über sich ergehen lassen konnte, dann war sie auch weit entfernt von einer Narkosefähigkeit. Herzmedikamente bekam ich gleich mit und so ging es mit Hund, Attest, Medikamenten und Katze wieder zurück nach Fehmarn.

Nachdem sich die Maus daheim ein wenig erholt hatte stattete ich dem Ordnungsamt einen Besuch ab. Mit Hund, damit man sich ein eigenes Bild machen konnte. Auch dort war man deutlich erschüttert vom Zustand des Tieres und nahm sofort telefonisch Kontakt mit dem Veterinäramt auf. Und dann kam das, was ich bis heute nicht verstehe und auch in Zukunft nicht verstehen werde. Was mich zutiefst fassungslos zurückließ. Das Veterinäramt fragte, ob der Hund selbstständig fraß und ob der Hund laufen könne. Als diese Frage bejaht wurde, entgegnete das Veterinäramt, dass es dann wohl nicht so schlimm sei, man aber die Vorgänge vermerken würde. Im Klartext hieß das, dass sich das Veterinäramt nicht darum bemühen würde, dass der Hund nicht wieder zum Halter muss. Dass der Halter keine Auflagen zur weiteren Haltung bekommen würde. Dass das Veterinäramt es nicht für notwendig hielt, selbst einen Blick auf das Tier und seine Haltung zu werfen. Bis heute bin ich wütend darauf. Da wird eine Tierhaltung von mehreren Institutionen gemeldet (Ordnungsamt, Tierarzt, Polizei, mir), es gibt Atteste und Fotos und das Veterinäramt möchte den Fall noch nicht einmal überprüfen? Was da schief gelaufen ist, verstehe ich bis heute nicht…

Die Zeit verging und ich konnte die Kleine nach und nach Aufpäppeln. Nachdem der Flohbefall endlich beseitigt war, nahm ich sie auch vorsichtig in die Gruppe der anderen rein. Es klappte wunderbar, sie war verträglich und schien die Gesellschaft der anderen Hunde sogar zu genießen. Als irgendwann endlich der Besitzer wieder auftauchte hielt ich ihm eine lange Predigt zur weiteren Haltung des Hundes. In dem Gespräch wurde mir jedoch bewusst, dass nicht nur der Hund dringend Hilfe brauchte, sondern auch der Besitzer mit seiner Situation heillos überfordert war. Von dem Hund trennen wollte er sich aber nicht. Ich versuchte den Kontakt zum ASB und anderen Hilfseinrichtungen herzustellen, gab ihm Kontakte und Telefonnummern und er versprach, sich zu kümmern. Ich besprach mit ihm die weitere notwendige Behandlung der Hündin, dessen Namen ich nun auch endlich mal erfuhr – Babsi. Dann musste ich Babsi verabschieden und hörte lange Zeit nichts mehr.

Ich fragte mich oft, was aus Babsi geworden ist, ob es ihr wohl gut geht. Als ich dann einige Monate später wieder einmal wegen einem Fall mit dem Ordnungsamt sprach, kamen wir auch noch einmal auf Babsis Fall zu sprechen und ich erfuhr, dass der Hund abgemeldet worden sei, weil er wohl verstorben war. Traurig, aber nicht misstrauisch legte ich das Thema für mich zu den Akten.

Es war der 2. September 2016 als ich eine sehr traurige Überraschung erlebte. Eine Tierschützerin kontaktierte mich, jemand hätte einen auf der Straße liegenden Hund gemeldet und sie sei auf dem Weg, das Tier einzusammeln. Das Tier war übersät von offenen Wunden, die teilweise schon von Maden bevölkert war, der Besitzer saß derweil vor seiner Wohnung und trank mit seinen Bekannten Alkohol. Er war sich wohl gar nicht bewusst, welche Höllenqualen sein Hund da litt. Die Tierschützerin sammelte den Hund ein und fuhr sofort zum Tierarzt, der den Hund jedoch nur noch erlösen konnte. Später rief sie mich an und berichtete mir von den Geschehnissen. Sie schickte mir ein Bild des Hundes. Es handelte sich eindeutig um Babsi. Ihr Besitzer hat wohl seine Wohnung aufgeben müssen und da in der neuen Wohnung keine Hunde erlaubt waren, wurde Babsi wohl einfach vorzeitig für tot erklärt.

Es macht mich fassungslos, wütend und traurig, wenn ich über diese Geschichte nachdenke. Sicher war Babsi kein junger Hund mehr und ihre Lebenszeit begrenzt. Aber hätte sie es in ihren letzten Monaten nicht anderswo besser gehabt?

One thought to “Fallbericht: Der Fall Babsi”

  • Marlies Ranft

    Die letzten Minuten in ihrem Leben hat Babsi es aber noch einmal gut gehabt. Ich war am 2. September im Wartezimmer beim Tierarzt und die Dame hat die traurige Geschichte von Babsi erzählt. Dabei hat sie die Kleine gestreichelt und Babsi hat es sichtlich genossen. Als hätte sie gemerkt, dass es um sie ging, schaute sie mit ihren blinden Augen aus dem Körbchen und alle waren fassungslos. Ich konnte der Dame nur noch sagen, dass ich froh bin, dass es Menschen wie sie gibt, dann musste ich leider heulend rausgehen. Das Bild von Babsi konnte ich tagelang nicht loswerden, aber jetzt ist sie erlöst und es geht ihr bestimmt besser. Wie konnte so etwas nur passieren …..

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