Ein Zweithund stand immer mal wieder zur Debatte und es gibt sicher unzählige Gründe, einen Zweithund zu haben. Pucky würde im Training entlastet werden, wenn ich sie nicht mehr beim Training mit größeren Hunden einsetzen müsste. Das ist eigentlich der Hauptgedanke PRO Zweithund. Pucky macht ihre Arbeit im Training mit sozial-unsicheren Hunden total toll und vermittelt auch den größten Raufbolden früher oder später Routine und Ruhe. Aber Pucky ist halt einfach klein und wiegt nicht einmal 10 kg. Nicht auszudenken, was ein sozial unsicherer Hund mit 30-40 oder mehr kg anrichten könnte, würde ich eine Situation mal falsch einschätzen. Wenn also ein Zweithund, sollte das auch ein Grosser sein, habe ich mir überlegt.

 

Es gibt aber auch einige Gründe CONTRA Zweithund. 2 Hunde bedeuten doppelte Verantwortung und doppelte Kosten. Ganz simpel gesagt. Die Hundesteuer für den zweiten Hund ist teurer als für den ersten,  man zahlt also mehr als doppelt so viel an Hundesteuer, doppelt so viel Futter, doppelt so viele Tierarztkosten, doppelte Versicherung und so weiter. Also mindestens doppelte Kosten – und als nicht unerheblicher Grund gegen den Zweithund ist auch noch der Platz anzuführen, den der Hund im Bestand einnehmen würde – und der mir für einen zahlenden Kunden fehlt. Also mehr Ausgaben und weniger Einnahmen… Insgesamt überwogen damit für mich momentan eigentlich die CONTRA-Argumente und ich habe mich immer wieder gegen einen Zweithund entschieden.

 

…und dann kam Boogy

 

Ja viel anders kann man den Umstand, dass ich nun doch 2 Hunde besitze, nicht beschreiben. Boogys Geschichte kurz zusammengefasst (es ist tatsächlich noch die kurze Variante, da ich den Großteil der mir gegenüber geäußerten Spekulationen und Behauptungen nicht mit angeführt habe):

 

Ursprünglich kam Boogy 2013 aus Frankreich, ging in Dtl. durch 3 Hände bis er bei mir landete, weil der letzte Besitzer ins Krankenhaus musste und langfristig nicht mehr in der Lage gewesen wäre, sich um Boogy zu kümmern. So wurde aus dem Pensionshund 2015 nach einigen Wochen ein Pflegestellenhund, der ein neues Heim suchte. Da Boogy einige Besonderheiten mit sich brachte, war da einiges zu beachten: Boogy kann Türen öffnen. Boogy bleibt nur sehr ungern allein. Boogy klaut alles was nur im Geringsten essbar sein könnte. Boogy benötigt sehr klare Strukturen, da er sonst gegenüber anderen Hunden den dicken Max markiert. Boogy ist ein sehr selbstständiger Hund, der durchaus seinen eigenen Weg geht und zwar im Zweifel ohne seinen menschlichen Begleiter, wenn dieser nicht schnell genug ist. Schlussendlich ist Boogy auch gut im Futter gewesen, beim Vorbesitzer bekam er täglich einen Teller Milchreis serviert…

 

Ein Glückstreffer also, dass ich bereits wenige Tage nach seiner Abgabe eine Interessentin fand, die ihn nehmen wollte, als Zweithund zu ihrem Rüden derselben Rasse. Sie traute sich zu, beide Hunde zu managen und schien auch nicht unbedarft mit Hunden zu sein. Alle aufgezählten Mängel schreckten sie nicht ab und da sie mir über eine Bekannte vermittelt worden war, die ebenfalls einen Hund von mir übernommen hatte und die sich bis heute ganz wunderbar um diesen kümmert, war ich recht guter Dinge, dass alles klappt. Das Kennenlernen verlief recht gut und da sie einen weiten Anfahrtsweg hatte, beschlossen wir, es einfach zu wagen und Boogy zog nach Bremen.

 

Aus der anfänglichen Euphorie über zwei Hunde derselben Rasse (ein lang gehegter Traum der Neu-Besitzerin) wurde aber recht schnell Ernüchterung. Denn so einfach war Boogy anscheinend doch nicht zu händeln. Nach einigen Wochen fragte sie mich, ob ich einverstanden sei, wenn sie Boogy bei einem guten Bekannten lassen würde. Dieser wäre bereits Rentner und würde sich sehr gut mit Boogy verstehen und leider gab es gleichzeitig vermehrte Probleme zwischen den beiden Rüden. Ich sagte ihr, dass ich das nicht gut finden würde, weil ich die Leute, die Hunde “von mir” haben, gern persönlich kennen möchte. Wir vereinbarten, dass sie weiterhin ein Auge auf Boogy hat und mich benachrichtigt, wenn es Probleme geben sollte. Zwischenzeitlich hatte ich auch einen kurzen Kontakt mit besagtem Rentner und stimmte schlussendlich einem Versuch zu. In der Folge hörte ich sporadisch immer mal wieder, dass alles gut sei und bekam auch Fotos von Spaziergängen geschickt. Das Happy End für Boogy schien perfekt.

 

Bis zum 4. August 2016. Da erhielt ich eine lange Nachricht über WhatsApp in der ich darüber informiert wurde, dass Boogy bereits seit März nicht mehr bei dem Rentner ist, in der Folge zu einem Hundesitter gebracht wurde, der ihn behalten wollte. Doch dann war der Hundesitter mit Boogy und dem eigenen Hund plötzlich doch überfordert und Boogy würde auch an Morbus Cushing leiden und in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand sein. Ich zitiere mal einen Teil: “… erbricht, säuft ohne Ende & pinkelt (nachts) in die Wohnung!! Die Tabl. kosten pro Tag 1,20 €. Der Doc weiß nicht, ob es noch Sinn macht, wir sollen uns es überlegen…” In der Folge kam dann noch die Info, dass sie Boogy bei sich nicht aufnehmen könnte, und nun eine private Auffangstelle in Neuss um Übernahme gebeten wurde. Darauf folgte die Frage, ob er zu mir zurück soll, sie könnte ihn aber erst Ende August bringen. Mit vielen traurigen Smileys. Ich war ziemlich entsetzt über den scheinbar sehr schlechten Gesundheitszustand und stimmte der Übernahme durch die private Auffangstelle zu, in der Annahme, dass Boogy nur noch wenige Wochen zu leben hat, und ich ihm unter diesen Umständen keinen Rücktransport nach Fehmarn mehr zumuten wollte.

 

Am 6. August kam die Absage aus Neuss und man wollte ihn nun in diverse Facebook-Gruppen einstellen, um einen Hospizplatz für ihn zu finden. In meinem Kopf arbeitete es. Ich hatte Hochsaison und war noch auf einige Wochen ausgebucht. Doch ich hatte auch Verantwortung für Boogy unternommen. Und irgendwie widerstrebte es mir, dass er nun wieder irgendwo anders hingebracht werden sollte, und ich keinen Einfluss darauf hätte, wohin er kommt. Stutzig machte mich zudem, dass der Hundesitter Boogy nicht behalten wollte, weil er Probleme mit ihm und seiner Hündin hatte. Das konnte ich mir nicht erklären, denn Boogy neigte zwar durchaus gegenüber anderen Rüden zu Prolligkeit, benahm sich gegenüber Hündinnen bei mir aber immer anstandslos.

 

Ich fragte nach. Nach den Unterlagen vom Tierarzt. Nach den Gründen, warum der Hundesitter solche Probleme hatte. Ob die Kosten das Problem sind. Ich wurde misstrauisch.

 

Plötzlich kam die Aussage, dass der Hundesitter “krank im Kopf” sei und unter Depressionen und Psychosen leide. Der Tierarzt hätte nur Urin und Blut untersucht (beides sei okay) eine spezielle Untersuchung auf Cushing sei aus Kostengründen nicht erfolgt, der Tierarzt hätte das aufgrund ihrer Aussagen zweifelsfrei diagnostizieren können.

 

Mein Misstrauen wuchs, eine Cushing-Blickdiagnose? Sicher gibt es einige äußerlich sichtbare Symptome, als hervorstechendste nenne ich hier mal den Fettaufbau. Aber Boogy hatte schon zu den Zeiten hier Übergewicht, also schloss ich das aus. Und ein Tierarzt, der die Meinung vertritt, man könnte sich die 1,20 € teuren Tabletten wohl sparen? Es wurde irgendwie immer suspekter und ich entschied.

 

Entschied, dass Boogy zurück zu mir sollte. So schnell wie möglich, egal wie. Ich versuchte einen Transport zu organisieren, dann wurde es immer kurioser. Da sich der Hund bei ihr befand und es zunehmend zu Problemen zwischen den Hunden kommen würde, wäre sie dankbar für einen Transport. Kosten für Transport würde sie übernehmen, sofern im Rahmen, Tabletten für bis zu 2 Monate. Ich versuchte über die Facebook-Gruppe Fellnasentaxi einen Transport zu organisieren und bekam sogar ein Angebot für den gleichen Tag von jemandem. Doch auf meine Rückfrage, hieß es dann plötzlich, sie würde mit den Hunden jetzt erstmal übers Wochenende in den Urlaub fahren und hätte sowieso die Unterlagen vom Hundesitter noch nicht zurück. BITTE? Ich fühlte mich wie im falschen Film. Ein schwer kranker Hund, der unverträglich mit dem eigenen (mittlerweile doch wieder auf 2 weitere Rüden) angewachsenem Rudel ist, sollte über das Wochenende mit in den Urlaub fahren? Es wurde immer spannender, doch ich bekam an dem Tag leider keine Antwort mehr.

 

In den 2 folgenden Tagen klagte ich so ziemlich jedem meiner Kunden mein Leid (Entschuldigung an dieser Stelle) und tatsächlich fand sich unter meinen Kunden die Möglichkeit, dass jemand den Hund auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise mitbringen könnte. Ich machte bei Boogys “Zwischenstation” Druck, dass der Impfpass heran geschafft wird. Und tatsächlich – knappe 24 Stunden später, am 8. August 2016, konnte ich Boogy wieder in Empfang nehmen. Er hatte sich nicht verändert, er erkannte mich und war direkt wieder daheim.

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Nach der Fahrt erstmal Gassi

 

Alle beschriebenen Probleme (ständiger Durst, ständiges Wasserlassen, auch nachts, Erbrechen etc.) habe ich bei mir bisher nicht beobachten können. Weder hängt er dauernd über der Wasserschüssel, noch muss er nachts raus, in der Regel geht er morgens und abends die Runde mit und mittags nochmal in den Garten – finde ich für einen Hund mit 10 Jahren aber ziemlich legitim.

 

In der Zwischenzeit habe ich Boogy durch meinen Tierarzt durchchecken lassen. Sicher ist er nicht mehr so fit wie ein Zweijähriger, er ist aber mit Sicherheit auch nicht sterbenskrank. Einzig und allein die mittlerweile entstandene Fast-Blindheit durch eine Netzhautablösung würde unter manchen Tierärzten in Zusammenhang mit dem Cushing-Syndrom genannt werden. Jedoch erfolgte diese erst nach seiner Ankunft hier und ein Zusammenhang mit Cushing ist nicht erwiesen, ein Zusammenhang mit Tumoren an Nebenniere oder Hypophyse ist hingegen wohl ausgeschlossen. Eben diese Tumore sind es aber, die Cushing beim Hund meist auslösen. Da bis auf dieses Indiz nichts auf Cushing hinweist und er sich sonst wohl fühlt, werden wir ihn erst einmal weiter beobachten.

 

Nachdem ich zwischenzeitlich auch vom Hundesitter angerufen wurde, habe ich sämtliche Kanäle gekappt, es gibt mittlerweile 3 oder 4 Varianten, was in den letzten Monaten passiert ist und jeder beschuldigt dort jeden – die Wahrheit kennt Boogy allein. Von der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung oder die Zusendung der Tierarztberichte habe ich mich verabschiedet. Wer weiß, welche der vielen Geschichten, die ich gehört habe, tatsächlich stimmt. Es kostete mich aber zunehmend Nerven und Zeit, mir das anzutun.

 

Boogy würde nicht in den nächsten paar Wochen sterben, und es stellte sich für einen kurzen Moment die Frage, ob ich doch noch einmal einen Vermittlungsversuch wage. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich Boogy keinen weiteren Umzug mehr zumuten wollte. Er zeigte sich hier nicht mehr übermäßig dominant gegen andere Hunde, die Katze wird nicht mehr gejagt (sieht er nicht mehr) und er öffnet keine Türen mehr. Lediglich das Räubern hat er noch als Unart, aber so erzieht er mich und vor allem die Kinder, nichts Essbares unbeaufsichtigt stehen zu lassen.

 

Das Fazit also: Man kann den Leuten immer nur vor den Kopf schauen. Ob ich mich schuldig fühle, weil ich nicht eher nachgefragt habe? Nein, nicht wirklich. Alle Tierhalter, die ein Tier von mir vermittelt bekommen, wissen, dass ich jederzeit bei Problemen angesprochen werden kann. Und um es ganz simpel zu sagen – mir fehlt leider auch schlicht die Zeit, das gute Leben all meiner Schützlinge zu überwachen. In den meisten Fällen ist das glücklicherweise auch nicht nötig, den von vielen bekomme ich in unregelmäßigen Abständen Nachrichten und Bilder.

 

Boogy gegenüber werde ich es wieder gut machen, in dem er seinen Lebensabend hier verbringen darf. Einen weiteren Besitzerwechsel möchte ich ihm nicht zumuten, auch wenn unklar ist, ob Boogy mich nur wie von seinen ehemaligen Leuten vorhergesagt nur wenige Wochen bleiben oder er uns noch mehrere Jahre begleitet.

 

Was ich super toll fand, war, dass die Tochter des ehemaligen Besitzers auf meiner Facebook-Seite mitbekam, dass Boogy zurück ist und sich sofort mit mir in Verbindung gesetzt hat. Zwar kann weder sie noch ihr Vater dem Hund ein Heim anbieten, aber sie kamen beide, um Boogy zu besuchen und haben auch eine kleine Unterstützung dagelassen, um die Tierarztkosten zu decken. Das Geld habe ich in einen Bluttest auf Mittelmeererkrankungen investiert, der erfreulicherweise negativ in allen Bereichen ausfiel, was soviel heißt, als dass Boogy an keiner Mittelmeererkrankung wie Leishmaniose, Herzwürmern oder einer der anderen Erkrankungen leidet.

 

So kam ich also nun doch zum Zweithund, nachdem ich mich jahrelang gesträubt habe. Wie es in der Praxis besonders in der Hochsaison mit vielen Hunden wird, bleibt abzuwarten. Kommt Zeit, kommt Rat, eine Lösung findet sich immer.

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Ins Morgenrot getauchter Boogy


Hast du auch einen Zweit- oder Mehrhundehaushalt? Welche Vor- oder Nachteile siehst du darin, welche Schwierigkeiten gab es vielleicht am Anfang oder auch in der späteren Zeit zwischen den Hunden? Und was mich ganz besonders interessiert – hast du dich bewusst für den Zweithund entschieden, oder vielleicht etwas ähnliches erlebt, wie unsere Geschichte? Schreib es mir gern in den Kommentaren oder hinterlasse einfach einen kleinen Gruß an Boogy und den Rest von uns 🙂

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