In den letzten Jahren habe ich so einige Tiere über die Regenbogenbrücke gehen sehen. Das mag sicher auch daran liegen, dass gerade die Wildtiere teilweise schwer verletzt hier ankommen, oder die Handaufzuchten einfach zu früh von der Mutter weg sind. In der letzten Saison war der Kaninchenbestand auf der Insel scheinbar sehr von Myxomatose gebeutelt und so kamen auch hier viele Jungtiere schon krank an. Hinzu kommt, dass ich auch privat auch oft kranke Tiere aufnehme, um ihnen das Tierheim zu ersparen.

Ich möchte nicht nachzählen, schätze aber, dass es in den letzten Jahren bestimmt 30-35 Tiere waren, denen ich nicht mehr helfen konnte. Man sollte meinen, dass man sich also irgendwann an den Tod und das Sterben gewöhnt. Dem ist nicht so. Leider. 

Jeder Tod ist anders und ich selbst gehe mit jedem Tod ein wenig anders um. Dabei ist es erfahrungsgemäß nicht relevant, wie lange das Tier vor seinem Tod bei mir war. Sicher ist man ein wenig „abgeklärter“ mit der Zeit, zumindest bei Tieren, zu denen man aufgrund der kurzen Betreuungszeit noch keine Bindung aufgebaut hat.

Manchmal bitten mich auch Kunden oder Tierbesitzer auch um Rat, wenn es um die Frage geht, wann denn der richtige Zeitpunkt ist, das eigene Tier zu erlösen bzw. gehen zu lassen. 

Man sollte also meinen, dass ich es ganz gut im Griff habe und gut damit umgehen kann. Nach außen hin mag das vielleicht auch den Anschein haben, innerlich nagen diese Situationen teilweise sehr stark an mir. Auch das ist übrigens ein Grund, warum ich im letzten Jahr die aufgenommenen Handaufzuchten reduziert und statt dessen oft weiter geleitet habe. Auch das ein Grund, warum ich Finder offensichtlich kranker Tiere mittlerweile darum bitte, zuerst einmal selbst zum Tierarzt zu fahren für eine erste Einschätzung. Es ist nicht einfach, Tiere aufzunehmen, bei denen schon bei der Abgabe offensichtlich keine Hoffnung mehr besteht. Und oft frage ich mich dann auch, ob wir einem Wildtier tatsächlich helfen, wenn wir es schwerverletzt aus der Natur nehmen, vielleicht sogar noch aus einem Rückzugsort, den es schon selbst gewählt hat, und es dann noch hin und her kutschiert und unter Stress gesetzt wird. Diesen Tieren merkt man es häufig schon bei ihrer Ankunft hier an und das beste, was ich dann tatsächlich noch tun kann, ist es, dem Tier einen ruhigen Platz zu bieten, um sich in seinem eigenen Tempo aus der Welt zu verabschieden. Manchmal ist der Zustand des Tieres aber auch nicht mehr zu vertreten, dann beschleunige ich das eigene Tempo, in dem ich das Tier doch zu einem Tierarzt bringe und erlösen lasse. Doch auch diese Tierarztfahrt bedeutet Streß für das Tier und ich frage mich oft, ob es eben für so manches Tier nicht besser wäre, man würde es einfach erstmal in seinem Rückzugsort in Ruhe lassen. Manchen Tieren kann man leider nicht mehr helfen bzw. ist die einzige Art der Hilfe, das Tier in Ruhe den Weg über die Regenbogenbrücke gehen zu lassen. Kurioserweise plädieren viele, viele Tierbesitzer mittlerweile für die Möglichkeit, das eigene Heimtier im Rahmen eines Hausbesuches durch den Tierarzt erlösen zu lassen. Um dem Tier den Stress der Fahrt zum Tierarzt zu ersparen. 

Die Realität über den Tod eines Tieres ist, dass es nicht leichter wird, egal ob man das Tier lang oder kurz kennt, ob es das eigene Tier oder ein Fremdtier ist, ob es ein langer oder ein kurzer Leidensweg ist. Leider ist es so, dass jedes Leben endlich ist und die meisten (Haus-)Tiere eine kürzere Lebensdauer aufweisen als wir Menschen.

Ich habe Tiere durch einen Tierarzt von Schmerzen erlösen müssen, so wie vor wenigen Tagen auch meinen geliebten Kater Leo. Zwar lebte er nur 3,5 Jahre bei mir, ich bin aber froh um jeden Tag, den er bei mir war. Leider hatte er einen bösartigen Kiefertumor, der sich immer mehr negativ auf sein Befinden auswirkte. Ich hatte lange gehofft, dass er für sich den richtigen Zeitpunkt wählt und auch im Rahmen einer Tierkommunikation vermittelte er mir lange Zeit das Gefühl, dass er seinen Weg gehen wird, wenn es soweit ist. 

Doch in den letzten Tagen vor seinem Tod spürte ich deutlich eine Veränderung an ihm. Er fraß noch, ja, aber er wirkte so unendlich müde. Er lag viel neben mir auf dem Schreibtisch, wenn ich die Büroarbeit machte. Er beobachtete mich dann immer mit müden Augen und schwerem Kopf. Und ich verstand, dass er eigentlich nur noch hier war, damit ICH lernen konnte. 

Ich glaube daran, dass jedes Tier, welches uns einen Stück unseres Weges begleitet aus einem bestimmten Grund bei uns ist. Weil es uns etwas lehren will oder wir daran wachsen sollen.  Vielleicht war es also Leos Aufgabe mich zu lehren, einerseits Katzen wieder zu vertrauen (nachdem mein Kater Linus abgewandert war) und andererseits auch gehen zu lassen. Leo kam zu mir, genau einen Tag, bevor sich mein Seelenhund Buddy auf seine Reise über die Regenbogenbrücke machte. Leo begleitete mich in der Zeit nach Buddy’s Tod und half mir dabei Abschied von ihm zu nehmen. Nun galt es Abschied von Leo zu nehmen. 

Als ich einer Freundin ein aktuelles Foto von ihm schickte, wie er so neben mir auf dem Schreibtisch lag, sah ich plötzlich selbst, dass er zwar noch bei mir sein wollte, aber seine Kräfte ihn verließen. Ich entschied am selben Nachmittag ihn erlösen zu lassen, auch wenn es mir das Herz brechen würde. 

Am nächsten Tag machte ich mich, gefahren von einer Freundin mit Leo und Pucky als seelischen Beistand auf den weg zum Tierarzt. 

Ich bin meinem Tierarzt sehr, sehr dankbar. Für manch anderen hätte es wahrscheinlich dein Eindruck gehabt, dass die Einschläferung längst überfällig war. Und als mir mein Tierarzt im letzten Jahr mitteilte, dass Leo ein nicht behandelbares Plattenepithelkarzinom im Kiefer habe, sagte er mir klipp und klar, dass uns eher Wochen als Monate bleiben würden. Aber er hat mir vertraut und gemeint, dass Tierärzte lediglich den klinischen Befund beurteilen könnten und dass dieser nicht zwingend mit der tatsächlichen Lebensqualität des Tieres in Einklang zu sehen sei. Die Lebensqualität des Tieres könne nur der Besitzer, der sein Tier Tag für Tag im gewohnten Umfeld sieht, beurteilen. 

Mit dieser Einschätzung gebe ich ihm Recht und das habe ich auch bei den meisten anderen Kunden und Tierhaltern erfahren und geraten. Man sieht tatsächlich in gewohntem Umfeld am besten, ob und wieviel Lebensqualität ein Tier noch besitzt. Man muss nur ehrlich und aufmerksam mit sich und seinem Tier sein. Gerade die Ehrlichkeit mag oftmals schwer sein, denn es ist eine Entscheidung, die wir nicht rückgängig machen können.

Eine Entscheidung, bei der wir bewusst in Kauf nehmen, dass es uns selbst danach schlecht geht. Sicher dem einen mehr als dem anderen, aber auch das sagt meiner Erfahrung nach nichts über die Intensität der Beziehung zum Tier aus. Noch am selben Tag, an dem Buddy eingeschläfert wurde, fühlte ich mich zum Beispiel nachmittags befreit und sogar ein wenig froh. Zwar ging bei Buddy keine lange Krankengeschichte voraus, doch hatte ich in den Monaten vor seinem Tod mehrmals deutlich das Gefühl gehabt, etwas zum letzten Mal gemeinsam mit ihm zu erleben: Das letzte Mal Schnee, das letzte Mal Dresden. Ich bin ganz froh, dass er bis zu dem besagten Tag ganz gut dabei war, doch das Gefühl blieb irgendwie und es sollte sich ja auch bestätigen. Ich tobte am Nachmittag mit meinen Kindern im Garten. Ohne Buddy.

Bei Leo habe ich mich mehr zurück gezogen, habe mir viel Zeit für mich genommen, und nehme mir diese immer noch. Und das obwohl er doch „nur“ 3,5 Jahre bei mir war und nicht wie Buddy über 14 Jahre. Vielleicht nehme ich seinen Tod so schwer, weil er in meinen Augen sein „zu erwartendes Alter“ noch nicht erreicht hatte. Ich hätte ihm gern noch 3-5 Jahre gegönnt. Aber es sollte nicht sein. 

Leo ist dann auch das erste eigene Tier, welches ich kremieren ließ. Warum ich für Leo ausgerechnet diesen Weg gewählt habe, weiß ich nicht, aber es fühlte sich richtig an. Was bleibt sind die Fellbüschel, die ich ihm abgeschnitten hab, als sich seine Seele bereits auf den Weg gemacht hatte. Aus diesem möchte ich mir noch ein Erinnerungsstück machen lassen, aber noch bin ich nicht soweit, dieses an eine fremde Person zu schicken. Und bisher hat es auch noch nicht ‚Klick‘ gemacht, wenn ich mich über die verschiedenen Möglichkeiten informiert habe. Leo wird auch das erste Tier sein, bei dem ich diesen Weg der Erinnerung auswähle. Ich bin gespannt und vertraue darauf, dass es bei dem richtigen Erinnerungsstück ‚Klick‘ macht. Und wenn ich dann bereit bin, das Fell aus der Hand zu geben, dann ist es auch das richtige. 

Jeder Tod ist anders, man kann sich zwar manchmal darauf vorbereiten, jemanden (egal ob Tier oder Mensch) zu verlieren, aber man weiß nie, wie man tatsächlich reagiert, wenn es soweit ist. Vielleicht schmeißt man einen bisherigen Plan einfach über den Haufen, weil es sich einfach nicht mehr richtig anfühlt. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg. Richtig ist nur, was man selbst fühlt. Und ich denke, dass niemand das Recht hat, sich in den Trauerprozess eines anderen einzumischen oder ihn zu verurteilen. Jeder trauert anders und das ist gut und richtig so. Nach Buddy dauerte es genau 7 Monate, bis ich bereit war für einen neuen Hund. Nur wenige Tage später flimmerten mir Pucky und ihre Geschwister durch meine Facebook-Timeline. Jetzt ist es ähnlich: Im Moment verspüre ich nicht das geringste Bedürfnis wieder eine Katze zu haben. Gleichzeitig weiss ich aber in meinem Inneren, dass es wohl nicht ewig so bleiben wird, und früher oder später die richtige Katze in mein Leben stolpert. Vielleicht wieder eine Altkatze aus dem Tierheim, vielleicht eine Handaufzucht, die sicher auch wieder den Weg zu mir finden werden. Wer weiß das schon, beides wäre okay, wenn es dann so wäre. Das Schicksal wird auf den ein oder anderen Weg eine oder mehr Katzen wieder zu mir führen. Und dann wird es auch der richtige Zeitpunkt sein, eine neue Verbindung zu knüpfen und einen neuen Lernpartner an meiner Seite zu wissen. 

Bis dahin trauere ich auf meine Weise um Leo. Wenn du möchtest hinterlasse doch einen lieben Gruß an Leo in den Kommentaren.

2 thoughts to “Der Tod ist immer anders

  • Mai-Britt

    Leo scheint eine ganz besondere Katze gewesen zu sein, genau wie mein Leo, den ich vor Freddy und George hatte.
    Ihr beiden Leos, ich hoffe, ihr trefft euch da im Katzenhimmel! Und irgendwann werdet ihr als Seele in eine andere Katze wandern. Dann hoffe ich, euch (wieder)sehen zu dürfen.

    Antworten
  • Pingback: Schattentage - Tierservice-Fehmarn

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